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Dieser Artikel ist von Dr. med. Renate Collier (1919 - 2001)

Die Entdeckung der Gewebsazidose in der Praxis und ihre Bedeutung für Kranke und Gesunde
Im folgenden will ich über meine Beobachtung und Erkenntnisse aus meiner über dreißigjährigen ärztlichen Tätigkeit berichten, in der ich einige neue Massagetechniken angewandt habe, die sich in der Praxis bewährten.
Friedrich Sander hat bereits vor dem letzten Weltkrieg den Begriff der "Latenten Azidose " geprägt. Bis auf wenige Ausnahmen ist m. W. kaum ein Arzt oder Naturwissenschaftler näher darauf eingegangen. Um so auffallender ist die Tatsache, dass es mir allein auf empirischem Wege gelungen ist, seine Ansichten zu bestätigen. Ja, die Schritte Sanders ermöglichten mir überhaupt erst die Erklärung von Phänomenen der physikalischen Therapie, die zumeist nur vage verständlich sind oder denen man allgemein zu wenig Bedeutung beimisst.

Theorie und Praxis runden sich auf diese Weise zu einem einsichtigen Ganzen. Da es sich bei meinen Erfahrungen um fundamentale Gesetzmäßigkeiten handelt, die an der Basis jeder Diagnostik und Therapie stehen sollten, will ich in einer kurzen Darstellung auf das Wesentliche eingehen und auf die Konsequenzen meiner Beobachtung hinweisen.
Dem Arzt dienen in erster Linie die eigene Krankheit oder die seiner Patienten als " Meilensteine " seiner beruflichen Entwicklung. So auch mir. Es war eine 32-jährige Frau, die gleich zu Anfang meiner Niederlassung in Bielefeld mein Interesse erweckte und die fortan mein Leben als Ärzten bestimmen sollte.
Ihre Vorgeschichte: wegen altbekannter "Feld-, Wald- und Wiesenkrankheiten" hatte sie im Quartal vorher vergeblich einen praktischen Arzt aufgesucht. Da dieser durch eigene Laboruntersuchungen und die hinzugezogenen Fachärzte nur normale Befunde erheben konnte, sie demnach "gesund" sein musste, und da dieser ihr ehrlich eingestand, keinen rechten Rat zu wissen, suchte sie mich als frisch niedergelassene Kneipp-Ärzten auf. Sie litt unter Müdigkeit, Schlafstörungen, schlechter Verdauung, Schwindelanfällen, an unerträglichen Kopfschmerzen -Röntgenaufnahmen des Schädels waren normal -, sie sah blass und verquollen aus. Meine Verlegenheit angesichts dieser Vorgeschichte ist nur zu verständlich!

Um überhaupt etwas zu unternehmen, begann ich, nach den Massage-Regeln von Prof. Storck, Rücken, Bauch und Kopf der Patientin zu massieren, sie lege artis nach Kneipp mit Güssen und Wickeln zu behandeln und die eine Diät im Sinne Bircher-Benners zu verordnen. Mein Erstaunen ist kaum zu beschreiben, als sie innerhalb von vier Wochen vor meinen Augen an der vorher so verzweifelten Patienten eine Metamorphose vollzog: nach einer Woche begann sie enorme Mengen Wasser auszuschwemmen, nach zwei Wochen waren die Kopfschmerzen verschwunden, nach vier Wochen hatte sie insgesamt sechs Kilogramm an Gewicht verloren, nach sechs Wochen stand eine junge, schlanke und glückliche Frau vor mir. Aber ich wusste nicht, wie das zu Stande gekommen war! Mir ging jedoch zum ersten Male auf: Gesundheit hat etwas mit Schönheit zu tun. War das immer so?
Um dies zu prüfen, begann ich, alles was mir in der Folgezeit an meinen Patienten als "unschön" erschien, mit meinen Massagen, die langsam eine eigene Technik annahmen, zu behandeln - wie ein Bildhauer, der an seinen Figuren klopft und feilt. Und siehe da, bei sehr vielen, vor allen Dingen bei Patientin bis etwa Mitte der vierziger Jahre, war der Verlauf ein sehr ähnlicher. So verfuhr ich, bis nach drei Jahren eine Patienten mich plötzlich fragte: "So lange sie mich behandeln und ein halbes Jahr danach geht es mir gut, dann aber fängt alles wieder von vorn an. Woran liegt das?" Ich wusste es nicht.

Ein Zufall spielte mir damals die Bücher von Dr. F. X. Mayr in die Hände. Voller Begeisterung und Hoffnung begann ich, seine Therapie in meinen Behandlungsplan mit hinein zu beziehen. Lag es vielleicht am Darm? Und auch hier wurde meine Erwartung nicht enttäuscht. Der Erfolg war bei jüngeren Patienten von viel längerer Dauer als vorher, bis leider auch diese auf die eine oder andere Weise langsam rückfällig wurden. Ich mochte mich mit diesen Teilerfolgen nicht zufrieden geben. Die Wurzeldes Übels war immer noch nicht gefunden. Mich quälten vor allem die Rätsel, die ältere Patienten mir aufgaben, denen meine sonst so "ideale" Behandlung nur kurzfristige Besserung brachte. Die Gewichtsabnahme ließ oft auf sich warten und auch die Wasserausschwemmung war bei manchen überhaupt nicht auszulösen. Woran lag das?

Nach zehn Jahren, als ich schon längst ein eigenes Kurheim bei Detmold führte, kristallisierte sich immer deutlicher die Bedeutung der Beschaffenheit des Bindegewebes als „Zünglein an der Waage“ heraus. Aus diesem konnte ich mit Sicherheit Zustand und Verlauf des Krankheitsgeschehens meiner Patienten ablesen. Zwar hatte ich allmählich eine Reihe von Mosaiksteinen ausfindig gemacht, die mir das Bild von Gesundheit und Krankheit offenbarten, zum Beispiel die Wichtigkeit einer gesunden und "lebendigen" Ernährung. Die Bedeutung der Bewegung und die Rolle von Allergien, die bei sehr vielen Patienten während der Kurbehandlung entsprechende Reaktionen auslösten, wurde ebenfalls deutlich. Natürlich bemerkte ich auch die Wichtigkeit des seelischen Zustandes meiner Patienten, die zunehmend an Bedeutung gewann; wie sich überhaupt über den beobachteten Zeitraum die Palette der auftretenden Krankheit unaufhörlich verschob, je nachdem, wie der Alltagsstress zunahm und die Zivilisationsschäden immer mehr zu Tage traten.

Aber alles das gab mir nicht den befriedigenden Aufschluss über die eigentliche Hauptursache für das, was sich vor meinen Augen abspielte. Den eigentlichen Schlüssel, der alle meine Fragen beantwortete, erhielt ich erst durch das Buch von F. Sander: "Der Säure-Basen-Haushalt des menschlichen Organismus". Das, was er in diesem Buch als "latente Azidose" und "Sklerose" des Bindegewebes beschrieb, war genau das selbe, was ich tagtäglich erlebte und was ich bei älteren Patienten getestet hatte. Hier las ich, dass am Anfang der meisten akuten und fast aller chronischen Erkrankungen eine Störung des Säure-Basen-Haushaltes stünde und dass die Voraussetzung für den Erfolg jeglicher weiterer Therapie seine Normalisierung sei.

Ich wollte die Probe aufs Exempel machen: An etwa 60 sich freiwillig zur Verfügung stellenden Patienten untersuchte ich in einem neuen Kurheim auf Sylt während der drei bis vierwöchigen Kuren (bei einigen auch sechs Wochen lang) in vierstündig gelassenen Harnproben den Sander’schen Aziditätsquotienten. Richtig, sie bewiesen, dass tatsächlich große Säuremengen durch die Kurmaßnahmen ausgeschieden wurden. Sie zeigten gleichzeitig, wie durch mehr oder mindere Zufuhr basischer Mineralstoffe und erhöhter Flüssigkeitszufuhr diese Ausscheidung vermehrt und der Aziditätsquotient verändert werden konnte. Insbesondere aber fand ich einer Erklärung für meine älteren, schlecht reagierenden Patienten, indem diese die von Sander beschriebene, unbeeinflussbare "fixierte" oder "starre" Aziditätskurve aufwiesen. Damit war ich am Ziel; ich wusste endlich, warum ich mit meinen Massagen, die ich zuletzt "Azidosemassagen" nannte, den Patienten geholfen hatte.

Was für eine Bedeutung haben diese Beobachtung für den Therapeuten und Laien? Kann jedermann aus meinen Erkenntnissen einen Nutzen ziehen? Ja durchaus, besonders in vorbeugender Hinsicht.

Seit Ragner Berg wissen wir, dass die Nahrung zu 80% aus basenüberschüssiger Kost wie Gemüse, Salaten, Obst (möglichst süße Früchte) und Milch
[1] und nur zu 20% aus säureüberschüssiger Kost, aus Eiweißen, Kohlenhydraten, Fetten, Milchprodukten, Nüssen und ähnlichem bestehen sollte. Nur dann wird der Säure-Basen-Haushalt normal und flexibel sein, um allen Anforderungen des Stoffwechsels zu genügen. Wird dieses Verhältnis nicht berücksichtigt, sondern ständig in Richtung Säureüberschuss überschritten, versucht der Körper, die überschüssigen Säuren im kollagenen Bindegewebe, in bestimmten eiweißartigen Fasern des Bindegewebes, zu stapeln. Denn Voraussetzung eines reibungslos arbeitenden Stoffwechsels ist die so genannte Isostruktur des Blutes. Darunter versteht man, dass im Blut nur ein ganz bestimmter, eingegrenzter Säuregrad von 7,33 bis 7,4 vorhanden sein darf. Ein Zehntel darüber oder darunter führt zu lebensbedrohlichen Zuständen. "Die Säure ist das Zellgift schlechthin", lehrte auch Dr. Mayr seinen Schülern in den letzten Lebensjahren, und hier ist auch die Entstehung des Krebses zu suchen. Um den Körper vor diesem drohenden Zustand zu bewahren, besitzt das Blut die so genannte Alkali-Reserve. Im Notfall neutralisiert diese den Säureüberschuss, aber sie musst möglichst umgehend durch Basenzufuhr, entweder mit der Nahrung oder durch ein Medikament, ersetzt werden. Andernfalls mobilisiert der Körper das Calcium des Knochens als Ersatz für das fehlende Alkali, und das führt zur Osteoporose, der Knochenabweichung, mit allen Gefahren des Alters. Um diese Alkali-Reserve jedoch zu schonen, besitzt der Körper in den kollagenen Fasern des Bindegewebes, die den ganzen Körper überall durchziehen, die Möglichkeit, frisch auftretenden Säuren beim Durchströmen des Bindegewebes aus dem Blut zu ziehen und zu speichern. Hier ruhen sie, bis die viel langsamer arbeitenden Nieren sie als Neutralsalze nach und nach ausscheiden, besonders in der Nacht, und dazu benötigt der Körper ausreichende Mengen Alkali aus basenüberschüssiger Nahrung

Dieser Mechanismus kann nur dann reibungslos ablaufen, wenn folgende Punkte berücksichtigte werden:

  1. Richtiges Verhältnis von Säure-zu Basen überschüssige Kost
  2. Rechtzeitige Entleerung der Bindegewebsspeicher
  3. Normale Nierenfunktion

Der Zustand der Bindegewebsspeicher aber war in dieser zusammenhängenden Kette der Faktor, auf den ich bei meiner Massagentherapie unbewusst gestoßen war. Ohne es zu erwarten, hatten die Massagen zur Entleerung der überfüllten Säuredepots geführt und damit den Weg zur Gesundung freigelegt. Das Ausmaß der Gesundheit hing vom mehr oder minder säurebefreiten Zustand des kollagenen Bindegewebes ab. In der Regel war ein junger Mensch weniger „säurevergiftet“ als ein Älterer. Ein alter Mensch hatte über einen längeren Zeitraum falsch gegessen und war daher auch kränker. Auch das Rätsel der „Apfelsinenhaut“, der Cellulitis, war hiermit aufgeklärt. Die Hyalinisierung des Bindegewebes war nichts anderes als die Folge der Verhärtungen, der beginnenden Sklerose der kollagenen Bindegewebsfasern durch überschüssige Säuren, wie Sander sie beschrieb.

Das besondere meiner eigenen Beobachtungen liegt jedoch in der Tatsache, dass es auf einfache Weise, allein durch manuelle Untersuchung der bindegewebigen Hautabschnitte, möglich ist, den Zustand der Säurespeicher und damit eine Beeinträchtigung des Säure-Basen-Haushaltes ohne langwierige und teure klinische Laboruntersuchungen festzustellen. In den Vorstadien brauchen noch keinerlei sonstige Krankheitssymptomen aufgetreten zu sein, man findet mit Leichtigkeit nach kurzerÜbungszeit die verschiedensten Stadien der latenten Azidose nach Sander. Dabei hat sich die Einteilung in vier Stadien bewährt. Die beiden ersten Stadien können noch ziemlich regelmäßig, bei entsprechender Mitarbeiter des Patienten, zur Normalisierung des Säure-Basen-Haushaltes zurückgeführt werden. Die intensiven Azidosemassagen, welche die gleiche Wirkung wie kräftige Bewegung haben, dienen nur dazu, durch verbesserte Durchblutung des schlecht versorgten Bindegewebes mit Basen angereichertem Blut die Säuren -auf dem Wege der Diffusion - aus den Bindegewebsspeichern herauszuziehen. Die fortlaufende Besserung ist am Tastbefund festzustellen.

Aber die beste Massagetherapie bleibt letztendlich auch nur symptomatisch, wenn nicht konsequent eine langsame Umstellung der Kost in Richtung Basenüberschuss erfolgt. Am Anfang können auch basenüberschüssige Präparate zu Hilfe genommen werden. Ansonsten füllen sich die Bindegewebsdepots bald von neuem, beeinträchtigen den Säure-Basen-Haushalt und bedrohen damit die Gesundheit des Menschen.

Für jedermann verständlich ist hier der Versuch unternommen worden, mit einfachen Worten die komplizierten und wunderbaren Mechanismen des Stoffwechsels auf einen Nenner zu bringen. Vor allen Dingen sollte die praktische Bedeutung für den gesunden und kranken Menschen deutlich werden, welche die Ernährung für die Gesundheit spielt. Eine ausführliche und wissenschaftlich fundierte Darstellung der Azidose-Behandlung und ihrer Anwendung bei speziellen Krankheiten ist für die nächste Zeit geplant.

Zusammenfassung

  1. Der gesunde Mensch ist der schöne Mensch.
  2. Gesundheit ist abhängig vom Zustand des Säure-Basen-Haushaltes.
  3. Die normale Funktion des Säure-Basen-Haushaltes hängt von der richtigen Menge Basen überschüssige Kost ab. Für gesunde: Säuren zu Basen im Verhältnis 1 zu 4, für Kranke im Verhältnis 1 zu 7.
  4. Beginnende leichte Entgleisungen des Säure-Basen-Haushalts sind an der latenten Azidose erkennbar.
  5. Die "latente Azidose", die aus einer Anreicherung von Säurevalenzen im kollagenen Bindegewebe des Körpers besteht, ist leicht durch befühlen und betasten der Haut festzustellen und kann durch intensive Azidosemassagen mobilisiert und zur Ausscheidung gebracht werden.
  6. Die beste Voraussetzung für eine stabile Gesundheit ist eine richtige Ernährung, ausreichende Bewegung und genügend körperliche und seelische Ruhe.



[1] das Verhängnis der Kuhmilch in der menschlichen Ernährung noch nicht bekannt.
Wie alle anderen naturheilkundlichen Therapeuten empfahl auch sie daher die Milch der Kuh als eines der besten Nahrungsmittel für den Menschen.